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Foto © ideengruen Markus Pichlmaier

Jahrzehntelang wurde in Speyer kaum etwas unternommen

Das Problem ist nicht neu, doch wurde es weitestgehend von den Behörden ignoriert beziehungsweise nicht mit ausreichend Engagement angegangen. Im Nordwesten von Speyer sind der Boden und das Grundwasser mit dem hochgradig krebserregenden Stoff Vinylchlorid verseucht. Die Konzentration liegt laut Messungen der Stadt im Untergrund zum Teil 80-fach über den Grenzwerten. Über die Jahre hat sich das Vinylchlorid über das Grundwasser immer weiter ausgebreitet und sogar den Badesee erreicht. Zwar wurde das Vinylchlorid jetzt auch im Steinhäuserwühlsee nachgewiesen, aber nur in geringen Mengen, wie die Behörden vermeldeten.

Im Bonnetweiher, dem beliebtesten und ältesten Baggersee der Speyerer, lag der gemessene Höchstwert bei 1,3 Mikrogramm/Liter. Noch seien die Messwerte insgesamt aber deutlich unter den gesetzlich vorgeschriebenen 1,5 Mikrogramm pro Liter, ließ das Umweltministerium verlauten. Es werde 14-tägig durch das Landesumweltamt gemessen, und es seien zwei Tiefenwasser-Belüftungsanlagen als Filter im Steinhäuserwühlsee eingesetzt worden. Für das Trinkwasser von Speyer bestehe nach Angaben der zuständigen Behörden keine Gefahr, obwohl sich die Giftfahne laut Speyerer Umweltdezernenten bereits über einen Kilometer Länge im Grundwasser erstreckt.

Bei Vinylchlorid handelt es sich um Altlasten aus dem vorigen Jahrhundert. Seit den 1950er-Jahren bis Anfang der 1970er wurden von der verarbeitenden Industrie, Tankstellen und Privatpersonen Oberflächen mit Chlorierten Kohlenwasserstoffen (CKW) entfettet. Meist wurden sie sorglos weggeschüttet und landeten so im Grundwasser. Der Großteil dieser Lösungsmittel ist heute verboten, doch zuvor kamen sie massiv zum Einsatz. Nach Schätzungen von Eurochlor sind allein im Jahr 1992 in Europa noch knapp 600.000 Tonnen chlorierte Lösungsmittel produziert worden, vor allem Tetrachlorethen (PER) und Trichlorethen (TRI). Im Grundwasser werden die beiden Stoffe von Mikroorganismen umgewandelt. Dadurch entsteht das hochgradig krebserregende und toxische Vinylchlorid. Aus Gewässern und Badeseen kann das Vinylchlorid in die Atmosphäre gelangen, weswegen für Schwimmer ein erhöhtes Risiko für eine Krebserkrankung entsteht. Betroffen sind vor allem Leber, Speiseröhre, Milz, die Handknochen und die Haut sowie die Durchblutung der Hand.

In Speyer steigt die Empörung über die nachlässige Handhabe mit der Vinylchlorid-Problematik, denn es ist ein jahrzehntelang andauerndes Problem und eine Lösung noch immer nicht in Sicht. Kritiker, wie die Bürgergemeinschaft Speyer, werfen der Stadt und dem Unternehmen Siemens vor, das Problem jahrelang verschleppt zu haben. Bis Ende der 1980er-Jahre wurden auf dem Siemensgelände giftige Lösungsmittel eingesetzt, und seit Ende der 1990er-Jahre sei es bekannt, dass es auf dem Gelände die Altlast gäbe. Etwa 50 Tonnen des Fettlösungsmittels Perchlorethen waren in den 1970er-Jahren auf dem Siemens-Gelände ins Erdreich gelangt. Kritisiert wird, dass nie in einem angemessenen Umfang diskutiert wurde, wie mit dem Vinylchlorid-Problem zu verfahren sei.

Entdeckt wurden die Verunreinigungen des Grundwassers mit Chlorierten Kohlenwasserstoffen 1998 beim Bau der Tullastrasse. Die Firma Dr. Heckemanns & Partner GmbH wurde beauftragt, die Ursache zu finden. Schnell konnte die Quelle mit dem Industriegebiet Speyer-West und im Gewerbegebiet „Im Neudeck“ ausgemacht werden. Als Verursacher kamen das Unternehmen Thor Chemie, Tyco (ehem. Siemens), die französische Panzerkaserne, die Firma Canali sowie das Unternehmen Mann + Hummel in Frage. Letztlich wurde Siemens als der Hauptverursacher identifiziert.

Auf Kosten von Siemens erkundete die Firma Peschla + Rochmes GmbH in den Jahren 2001 bis 2003 die vom Industriegebiet ausgehenden Schadstofffahnen. Im Schadensgebiet liegen sogenannte Gefährdungspotenziale/Rezeptoren wie Gartenkolonien, Badeseen, Campingplätze, ein Steinmetzbetrieb und ein Gartenbedarfscenter. Es wurden anschließend von der Stadt Speyer gezielte Untersuchungen der betroffenen Gebiete angeordnet, was dazu führte, dass nach 1998 weitere Brunnen stillgelegt werden mussten. Das Unternehmen legte ein Konzept zur Überwachung des Grundwassers sowie eine hydraulische Sanierung vor. Ab 2005 führte Siemens ein halbjährliches Monitoring des Grundwassers durch, und ab diesem Zeitpunkt wurde lediglich der das Quellgebiet saniert. Die Sanierung der unterirdischen Schadstofffahnen steht noch aus, da bisher keine Einigung über die Sanierung gefunden werden konnte. Die von der Stadt Speyer bevorzugte hydraulische Sanierung ist dem Unternehmen Siemens zu teuer. Die IRZ-Methode (Eingabe von Melasse in das Grundwasser) stellte sich bei einem Test als unwirtschaftlich heraus.

Die Stadt Speyer einigte sich mit Siemens darauf, dass der Gutachter von Siemens ein Maßnahmenkonzept für die hydraulische Sanierung wie auch für die überwachte natürliche Reinigung (MNA) erstellt. Siemens hat jedoch nur ein MNA-Maßnahmenkonzept vorgelegt. Laut dem Gutachterbüro Peschla & Rochmes GmbH ist aufgrund der konkreten Gefährdung von Rezeptoren und fehlenden Voraussetzungen eine Beschränkung auf eine MNA-Sanierung unzureichend. Es muss eine aktive Sanierung erfolgen. Die Stadt Speyer stellte anhand eines Ablaufplans Forderungen an Siemens, die das Unternehmen jedoch mit Gegendarstellungen beantwortete. Zwischen 2007 und 2009 wurden weitere Erkundungen durchgeführt und die Ausmaße der Schadstofffahnen ermittelt. Eine geforderte Gefährdungsabschätzung in Bezug auf die menschliche Gesundheit erfolgte jedoch nicht. Auch ein Nachweis, dass der mikrobiologische Abbau von dem hochgradig krebserregenden Vinylchlorid in das unbedenkliche eingestufte Ethen stattfindet, wurde nicht erbracht.

Daher forderte die Stadt Speyer per Verfügung vom 28.01.2010, folgende Forderungen durchzusetzen:

- Die Vorlage einer Risikoabschätzung zur Ermittlung und Bewertung der von der Kontamination ausgehenden Gefährdung für die menschliche Gesundheit
- Die Erkundung des vollständigen mikrobiologischen Abbaus von CKW durch Grundwassererprobung
- Die vollständige Abgrenzung der Fahnen

Dies soll laut der Stadt Speyer zur Grundlage für die anschließende Sanierungsplanung und eventuell notwendige Sofortmaßnahmen herangezogen werden. Siemens hatte gegen die Verfügung Widerspruch eingelegt und einen Antrag auf Aussetzung der sofortigen Vollziehung gestellt. So ging das rechtliche Tauziehen weiter.

Im Frühling dieses Jahres hat die Bürgergemeinschaft Speyer den folgenden Antrag mit dem Betreff „Schluss mit der Vergiftung in Speyer-Nord“ beim Oberbürgermeister Eger eingereicht:
„Während des Betriebes der Firma Siemens gelangten aus deren Metallverarbeitung etwa 50 Tonnen Chlorierte Kohlenwasserstoffe (CKW) in den Untergrund und das Grundwasser. Chlorierte Kohlenwasserstoffe sind für Menschen hochgiftig.
Der Untergrund besteht in Speyer aus komplexen Überlagerungen und Schichtungen von angeschwemmten Sanden, Kiesen, Lehm und Tonen. Neben dem Rhein spielen auch Bäche eine wichtige Rolle, so steht etwa der Speyerer Wald auf dem Schwemmkegel des Speyerbachs. In dessen Ende sind auch das Industriegebiet Nordwest und Speyer-Nord eingebaut. Bestimmte Schichten sind wasserundurchlässig und trennen so einen Grundwasserhorizont vom anderen ab.
In Speyer sind die Chlorierten Kohlenwasserstoffe in Tiefen von 8 bis 20 Metern eingesickert und mit dem Grundwasser weitergewandert. Von den 50 Tonnen wurden im Bereich des Verursachers 2005 bis 2010 einige 100 kg durch Abpumpen und Reinigen zurückgewonnen. Die CKW sind chemisch sehr stabil und bauen sich über Jahre nur langsam ab. Als Abbauprodukt entsteht das extrem krebserregende Vinylchlorid.
Entdeckt wurde der Umweltschaden am 16.7.1998 bei Bauarbeiten in der Tullastraße. Die Giftfahne war also entsprechend der bekannten Grundwasserströmung von der Haardt bis an den Rhein vom Siemensgelände über Friedhof und Landwehrstraße bis zum Bereich Tullastraße gesickert. Bereits 1998 wurden in Kleingartengebiet Neudeck Brunnen stillgelegt, weil sie verseucht waren.

2000 wurde durch den Sachverständigen Dr. Heckemanns von mehreren Verdächtigen die Firma Siemens als Verursacher festgestellt. 2001 bis 2003 nahm Siemens Grundwasseruntersuchungen zum Verlauf der Giftfahnen vor. Die Stadt wollte, dass das verseuchte Wasser über Bohrungen abgepumpt und gereinigt wird, was aber Siemens einige Millionen gekostet hätte. Siemens wollte gar nichts tun und warten, bis sich alles abgebaut hat. Dabei ging Siemens davon aus, dass Bakterien das krebserregende Vinylchlorid zum ungefährlichen Ethen abbauen. Ein solcher Abbau konnte aber in Speyer in natura nicht nachgewiesen werden.

Schließlich behauptete Siemens, dass ein solcher Abbau gefördert werden könne, indem man Melasse in den Boden einspritze. Das wurde auch versucht, aber im Ergebnis zeigte sich, dass Unmengen von Melasse eingespritzt werden müssen, um einen Abbau tatsächlich zu erreichen. Diese Kosten wollte Siemens auch nicht tragen. Siemens legte kein Sanierungskonzept vor, sondern wollte beim Nichtstun und Weitermessen bleiben. Auch wurde behauptet, dass die Giftfahnen stehende Fahnen seien, was aber offensichtlich absurd ist.

Das Wasserlexikon zu:

Vinylchlorid wirkt auf die menschliche Gesundheit mutagen und canzerogen, wobei diese Wirkungen nicht von der Originalsubstanz, sondern von im Körper gebildeten Metaboliten ausgehen. Äußere Vergiftungserscheinungen zeigen sich durch Reizung der Augen und Durchblutungsstörungen, daneben besteht eine narkotische Wirkung. Chronische Vergiftungen betreffen die Lunge, Leber, Nieren und das Zentralnervensystem.  
Grenzwert Trinkwasserverordnung: 0,00050 mg/L.

Das Schadstofflexikon:
Schadwirkung:

Im Tierexperiment ist die Substanz karzinogen. Bei Ratten und Mäusen beträgt die niedrigste karzinogen wirksame Dosis 50 ppm. Neben der Mutagenität von Vinylchlorid ist die mutagene Wirkung möglicher Metabolite wie Chlorethylenoxid und Chloracetaldehyd zu beachten. Vinylchlorid-Expositionen stehen auf Grund der Ergebnisse epidemiologischer Studien in engem Zusammenhang mit einem karzinogenen Risiko. Die Krebsgefahr beim Menschen durch Vinylchlorid ist schon seit 25 Jahren bekannt. Eine längere Einwirkung von hohen Vinylchlorid-Konzentrationen löst eine spezielle Art von Leberkrebs aus. Beim Menschen wurden in vivo Chromosomen-Aberrationen nachgewiesen. Teratogene und embryotoxische Wirkungen führen u. a. zu signifikant erhöhter Letalität (siehe letal) bei Feten, zu Defekten des ZNS, des Alimentär- und Genitaltraktes.

Die Grenzwerte für die maximale Vinylchlorid-Konzentration am Arbeitsplatz wurden laufend herabgesetzt: 1966 betrug der MAK-Wert 500 ppm, 1971 100 ppm und 1974 50 ppm. Wegen der inzwischen erwiesenen Karzinogenität kann heute kein MAK-Grenzwert festgelegt werden, denn theoretisch kann schon ein Molekül Vinylchlorid Krebs erzeugen. Die stattdessen festgelegte Technische Richtkonzentration (TRK) beträgt 2 bis 3 ppm. In der Gefahrstoffverordnung ist für Vinylchlorid ein Alarmschwellenwert von 15 ppm als Stundenmittel zum Schutz der Gesundheit von Arbeitnehmern festgelegt. Der Geruchsschwellenwert liegt bei ca. 4.000 ppm, d. h. bereits lange bevor die Gefahr gerochen werden kann, treten Schäden auf.

Umweltverhalten:

Vinylchlorid ist unter Umweltbedingungen relativ stabil und besitzt eine geringe Bio- und Geoakkumulationstendenz. Transport- und Verteilungsprinzip ist vorzugsweise die Luft. Bei 10–9 bzw. 10–14 molarer Ozonkonzentration beträgt die Oxidationshalbwertszeit 3,3 d bzw. 0,8 d. Die Hydrolyse-Halbwertszeit wird mit 108 a bei pH 7 und mit 80 d bei pH 3 angegeben.
Unter Lichteinwirkung wird Vinylchlorid abgebaut. Ohne Licht, d. h. im Boden und im Grundwasser, verläuft der Abbau wesentlich langsamer und kann Jahre dauern. Vinylchlorid ist stark wassergefährdend. Im Grundwasser kann VC unter bestimmten Milieubedingungen durch mikrobiologische Vorgänge entstehen. Bei dieser als reduktive Dehalogenierung bezeichneten Abbaukette entstehen bei vollkommener Umwandlung nacheinander folgende Verbindungen:
Tetrachlorethen – Trichlorethen – 1.2-Dichlorethen – Vinylchlorid – Ethen/Ethan

Je nach Standortbedingungen kann der Abbau bei Vinylchlorid enden. Da Vinylchlorid wesentlich toxischer ist als die Vorgängersubstanzen, kommt es in diesem Falle zu einer starken Zunahme der Toxizität, und die Sanierungsrelevanz des Grundwassers wird deutlich erhöht.

Wir beantragen daher, der Stadtrat möge die Verwaltung zu folgenden Vorgehen verpflichten:

Um eine weitere Ausdehnung der Vergiftungszone und eine immer weitere Umwandlung der CKW in Vinylchlorid zu stoppen, ist die Firma Siemens sofort zu zwingen, die Giftfahnen hydraulisch zu sanieren. Die Geeignetheit des Konzepts soll die Stadt durch selbst beauftragte Büros festlegen, da Siemens die Stadt seit über einem Jahrzehnt hinhält. Notfalls ist eine Ersatzvornahme durchzuführen. Die Kosten der Begutachtung gehen zu Lasten des Verursachers, sie sind ggf. durch Kassenkredite vorzufinanzieren.“

Die Forderungen scheinen langsam Früchte zu tragen. Immerhin sind diesen Sommer von der Betreiberfirma CDM Smith zwei schwimmende flexible Tiefenwasserbelüftungsanlagen im Bonnetweiher installiert worden. Dieses Projekt wird Siemens rund eine Million Euro kosten. Solche Anlagen werden seit zwei Jahrzehnten vorrangig in Talsperren bei der Trinkwassersicherung eingesetzt, wo diese Anlagen eine Belüftung der tieferen Seehorizonte vornehmen. Pro Stunde können diese schwimmenden und in ihrer Länge verstellbaren Tiefenwasserbelüftungsanlagen aus Polyethylen bis zu 2.600 Kubikmeter Wasser umwälzen und reinigen. Das System vermischt das angesaugte Wasser in der vertikalen Säule mit Luft. Mit diesem Verfahren wird das im Wasser vorhandene Vinylchlorid-Gas in die Luft abgegeben und im Anlagenkopf über Aktivkohlefilter herausgefiltert. CDM Smith rechnet mit einer Dauer der Maßnahme für mindestens drei Badesaisons und schätzt, dass bis dahin der verunreinigte Abstrom aufhören wird.

Die vorangegangene Erdsäuberung und die Maßnahme im Baggersee kostete Siemens bisher lediglich drei Millionen Euro. Wie nun eine aktive Sanierungsmaßnahme der Giftfahnen für das Grundwasser und Böden in betroffenen Gebieten aussehen soll, ist noch ungewiss, aber es gibt Fortschritte. Wie Siemens gegenüber dem SWR erklärte, werde bis Herbst ein Sanierungsplan für das Gebiet vorliegen. Die Sanierung wird jedoch nach Angaben des Unternehmens mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Frank Scheid von der Speyerer Wählergruppe ist etwas optimistischer. „Vielleicht schaffen wir die Sanierung in drei bis vier Jahren. Das ist aber nur eine Prognose“, so Scheidt gegenüber dpa. Wie lange die Sanierungsmaßnahme letztlich dauert, ist am Ende auch nicht wichtig. Das einzig Entscheidende ist, dass nach so vielen Jahren endlich eine aktive Sanierung angegangen wird, auch dank den Forderungen vieler Kritiker und Betroffener, wie der Bürgergemeinschaft Speyer. Zu bedenken bleibt, ob Siemens auch bis zu Herbst ein Sanierungskonzept vorlegt oder wieder versucht, Zeit zu schinden. Daher sollte der öffentliche Druck weiter aufrecht gehalten und Siemens weiterhin massiv in die Pflicht genommen werden.

Quelle: http://worldtimes-online.com/

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