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Spätfolgen von Fukushima

Radioaktive Wasserblase kurz vor der amerikanischen Westküste.

Die Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 ist größtenteils aus den Medien verschwunden, obwohl die Situation im Atomkraftwerk zunehmend außer Kontrolle gerät. Das größte Problem bereiten der Betreiberfirma Tepco die 1.300 Brennelemente aus Reaktorblock 4. Außerdem bekommen die Amerikaner nun die Auswirkungen zu spüren: Eine riesige Blase mit radioaktiv verseuchtem Wasser treibt auf die amerikanische Westküste zu. Das verseuchte Wasser hat bereits erhebliche Schäden verursacht, doch das ist nur der Anfang. Weiterhin fließen täglich 300 Tonnen verseuchtes Wasser ins Meer. Laut Tepco hat das verseuchte Wasser aus den lecken Tanks eine Strahlenbelastung von 100 Millisievert pro Stunde.

Dieser Belastung darf ein Mitarbeiter eines japanischen Atomkraftwerkes in fünf Jahren ausgesetzt sein. In Fukushima wird dieser Wert bei einem Menschen in einer Stunde erreicht. Unter anderem ist in dem Wasser Strontium enthalten, das von Wissenschaftlern wegen der dadurch verursachten starken Schädigung des Knochenmarks und der Folge von häufigen Leukämieerkrankungen gerne als „Knochenkiller“ bezeichnet wird. Nur eine Stunde Aufenthalt direkt an diesem Wasser, und nach zehn Stunden treten die ersten Symptome der Strahlenkrankheit auf, wie Übelkeit und ein Schwund von weißen Blutkörperchen.

Dieses verseuchte Wasser hat im Pazifik eine riesige Blase gebildet und treibt auf die Westküste der Vereinigten Staaten zu. Der Nuklearingenieur Arjun Makhijani, Präsident des Instituts für Energie- und Umweltforschung IEER in Maryland, prognostiziert das Eintreffen der Blase an der amerikanischen Küste im März 2014. Der Höchststand der hauptsächlich mit Cäsium 137 belasteten Blase wird voraussichtlich im Jahr 2016 erreicht werden. „Wir müssen Lebensmittel besser überwachen. Ich glaube nicht, dass der US-Umweltschutz und die Lebensmittelbehörde einen guten Job machen“, so Makhijani. Bereits jetzt scheint es erste Auswirkungen in den amerikanischen Gewässern zu geben. Knapp die Hälfte aller Seelöwen-Jungtiere sind in Südkalifornien gestorben. Die übliche Sterblichkeitsrate liegt bei weniger als einem Drittel. Auf ein historisches Tief ist der Bestand des Rotlachses entlang der Pazifikküste Kanadas und Alaskas gesunken, und auch andere Fischarten an der kanadischen Westküste sind erkrankt. Die Fische bluten aus Kiemen, Bäuchen und Augäpfeln. Über die gesamte Westküste sterben Millionen von Seesternen und werden an die Ufer gespült. Die sogenannte Starfish-Wasting Desease (Seestern-Seuche) lässt die Seesterne schrumpfen, absterben und sich in eine schleimige Masse verwandeln. Ein Zusammenhang mit dem radioaktiv verseuchten Wasser wird nicht ausgeschlossen, doch gab es die Seestern-Seuche zuvor bereits in den achtziger und neunziger Jahren, weshalb kein unmittelbarer Zusammenhang nachgewiesen werden kann. Mittlerweile sind zwölf Seestern-Gruppen betroffen, und innerhalb kürzester Zeit sind einige davon ausgestorben. Es besteht laut Umweltschützern die große Gefahr eines Ungleichgewichts im Ökosystem des Meeres durch das Massensterben der Seesterne. „Solche Ereignisse sind bezeichnend für eine Veränderung“, sagte Drew Harvell, Umweltprofessor an der Cornell University, dem Sydney Morning Herald. „Bei diesen extremen Ereignissen ist es wichtig, die Ursache schnell herauszufinden.“

Das alles scheint erst der Beginn einer Umweltkatastrophe biblischen Ausmaßes zu sein. Nach Expertenschätzungen wird sich die Radioaktivität der amerikanischen Küstengewässer in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Wissenschaftler haben Plankton zwischen Hawaii und der Westküste analysiert und hohe Konzentrationen von Cäsium 137 gefunden. Plankton ist der Anfang der maritimen Nahrungskette. Das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel zeichnet ein noch erschreckenderes Bild. Eine Simulation hat errechnet, dass 2020 selbst die entlegensten Winkel des pazifischen Ozeans mit Cäsium 137 verseucht sein werden.

Spätfolgen von FukushimaDie amerikanischen Behörden reagieren auf die kommende Gefahr. Das amerikanische Gesundheitsministerium DHHS hat 14 Millionen Dosen Kaliumiodid bestellt. In der Ausschreibung auf der Internetseite der Federal Business Opportunities wird nach „Kaliumiodid-Tabletten (65 mg), Darreichungsgröße 20 Tabl., 700.000 Einheiten (der 20er-Packung)“ angefragt. Obwohl die Ausschreibung erst im Dezember erfolgte, wird eine Lieferung bis zum ersten Februar gefordert. Das Kaliumiodid hilft die Aufnahme radioaktiven Jods durch die Schilddrüse zu blockieren. Es wird eingesetzt bei Menschen, die bei Atomunfällen oder anderen atomaren Zwischenfällen mit hoher Radioaktivität in Berührung kamen. So werden in den USA Menschen dazu angehalten, die in Bundesstaaten mit Atomkraftwerken oder in einem Umkreis von 16 Kilometern eines Atomkraftwerks leben, einen ausreichenden Vorrat an Kaliumiodid zu lagern. Außer dem Gesundheitsministerium hat keine andere Behörde eine Ausschreibung für Kaliumiodid herausgegeben, und die enorme Menge von 14 Millionen Tabletten lässt dem Ganzen eine besondere Bedeutung zukommen. Entweder besteht die Befürchtung, dass die Gefahr durch die radioaktive Blase noch größer als angenommen ist oder dass es zu einer weiteren Katastrophe in Japan kommen könnte. Auf Katastrophen reagieren Regierungen oftmals auf eine ähnliche Weise. Zunächst gilt es eine Panik zu vermeiden. Wissen die amerikanische und japanische Regierung mehr, als sie bisher bekannt geben? Die Wahrheit kommt meist dann ans Licht, wenn die Konfrontation mit ihr unvermeidlich ist. 14 Millionen bestellte Tabletten sind ein starkes Indiz.

Die derzeitige Reaktion der japanischen Behörden auf die Bergung der 1.300 Brennelemente lässt ebenfalls Schlimmes erahnen. Bisher hat die Katastrophe ungeahnte Dimensionen erreicht. Obwohl die Schätzungen von Wissenschaftlern und die des Atomkraftwerkbetreibers Tepco über die Menge der ins Meer gelangten radioaktiven Strahlung voneinander abweichen, liegen die Prognosen allesamt auf einem sehr hohen Level. Nach Angaben des Meteorologischen Forschungsinstituts der japanischen Behörde für Meteorologie gelangen täglich radioaktives Cäsium und Strontium mit einer Aktivität von jeweils 30 Milliarden Becquerel ins Meer. Tepco selbst schätzt, dass seit Beginn der Katastrophe zwischen 20 und 40 Billionen Becquerel in den Pazifik gelangten. Das entspricht in etwa dem Hundertfachen der radioaktiven Strahlung, die während der gesamten Katastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde.

So extrem die Ausmaße jetzt schon sind, die Wahrscheinlichkeit, dass es noch viel schlimmer kommt, ist hoch. Die Bergung der 1.300 beschädigten Brennelemente im Reaktorblock 4 ist zunächst auf Eis gelegt worden. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Brennelemente durch die Katastrophe wild durcheinandergewürfelt worden sind. Der anfängliche Versuch, sie manuell zu bergen, stellte sich als unmöglich heraus. Daher bleibt als einzige Option eine computergesteuerte Bergung. Egal, wie die Bergung durchgeführt wird, das Risiko ist hoch, dass es zu einer Kernschmelze kommt. Richard Broinowsky von der Universität Sydney sagte im australischen Radiosender ABC, dass bei einer Kernschmelze enorme Mengen von Radioaktivität in die Atmosphäre gelangen würden und bei ungünstigen Windverhältnissen ganz Tokio und Umgebung mit 35 Millionen Menschen evakuiert werden müssten. Das ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Aufgrund dieser Gefahr haben die japanischen Behörden die Bergung der Brennelemente vorerst aufgegeben. Das bedeutet, dass die Brennelemente weiterhin gekühlt werden müssen und noch mehr radioaktives Wasser produziert wird.

Spätfolgen von FukushimaRund 1.000 Wassertanks hat Tepco bisher auf dem Betriebsgelände und in der Umgebung von Fukushima errichtet, die als Speicher für das verseuchte Kühlwasser dienen. Die Qualität der Tanks ist miserabel, denn nach dem Reaktor-Unfall im März 2011 musste es schnell gehen. Der Automechaniker Yoshitatsu Uechi hat im Auftrag von Tepco sechs Monate lang im zerstörten Atomkraftwerk Tanks zusammengebaut. „Ich muss klar sagen, dass wir schludrig gearbeitet haben. Wahrscheinlich lecken die Tanks deshalb schon jetzt. Jedes Mal, wenn hier die Erde ein bisschen bebt, bricht mir der Schweiß aus“, sagte der 48-Jährige freimütig gegenüber der Nachrichtenagentur AP. So wurde der Rostschutz auf Nieten und Schweißnähten bei Schnee und Regen aufgetragen. Er berichtet, dass sogar verseuchtes Wasser in die Tanks geleitet wurde, bevor sie fertig waren. Auch die Dichtigkeitsprüfungen wurden bei Regen durchgeführt.

„Wir waren in einer Notsituation und mussten viele Tanks so schnell wie möglich bauen. Ihre Qualität ist an der absoluten Untergrenze“, rechtfertigt Teruaki Kobayashi von Tepco das Vorgehen. 370.000 Tonnen radioaktives Wasser werden auf dem Gelände gelagert, und rund ein Drittel ist in Stahltanks mit gummierten Nähten, die mit Bolzen geschlossen wurden. Das ist ein hochriskantes Provisorium. Bis März 2016 sollen die provisorischen Tanks gegen robustere ausgetauscht und soll die Speicherkapazität auf 800.000 erhöht werden. Da Japan in einer Erdbebenregion liegt, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu Erschütterungen kommt. Was dann mit den Brennelementen in Reaktorblock 4 passiert und wie die Tanks das überstehen, wagt sich niemand auszumalen.

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