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Arsen im Trinkwasser

In Bangladesch vollzieht sich seit 40 Jahren die größte Massenvergiftung in der Geschichte der Menschheit

Es sollte sich 1971 eigentlich alles zum Besseren verändern, als die UNICEF im auf dem indischen Subkontinent gelegenen Bangladesch rund 11 Millionen Brunnen, davon 3 Millionen Hausbrunnen installieren ließ. Zuvor gewann die Bevölkerung ihr Trinkwasser aus Oberflächenwasser, was während der Monsumzeit und den daraus resultierenden Überschwemmungen sowie der Verschmutzung durch Fäkalien zu regelmäßigen Cholera-Epidemien führte. Tausende fielen der Cholera und anderen Durchfallerkrankungen Jahr für Jahr zum Opfer. Das Choleraproblem gehörte seit der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan im Jahre 1971 und den neu installierten Brunnen der Vergangenheit an. Was damals niemand ahnte: Eine andere tödliche Gefahr kam mit den Brunnen, die nun Trinkwasser aus den oberen Erdschichten fördern, ins lebensnotwendige Nass – Arsen.

97 Prozent der Bangladeschis haben mittlerweile Zugang zu dem sogenannten Röhrenbrunnenwasser, welches aus flachen Grundwasserleitern (Aquifere) gewonnen wird, die sich über die letzten 10.000 Jahre gebildet haben. Leider wurde versäumt, das Wasser auf Arsen zu prüfen. 1983 wurden indische Dermatologen auf viele krankhafte Hautveränderungen ihrer Patienten aus dem ostindischen Staat Westbengalen aufmerksam, die sich auf eine Arsenvergiftung zurückführen ließen. Schnell vermuteten die Ärzte, dass die Röhrenbrunnen im Zusammenhang mit der Arsenvergiftung stehen könnten, da sich Westbengalen einige der Grundwasserleiter mit Bangladesch teilte und es dort ebenfalls vermehrt zu den Symptomen einer Arsenvergiftung kam. Umweltwissenschaftler Dipankar Chakraborti von der Jadavpur University konnte in den kommenden Jahren nachweisen, dass viele Aquifere Westbengalens stark mit Arsen kontaminiert sind. Sogar noch im Jahre 1993 wurde das Wasser von der British Geological Survey als sicher erklärt, wobei darauf verzichtet wurde, es auf Arsen zu testen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt die tolerierbare Arsen-Obergrenze bei 10 Mikrogramm pro Liter an. Alles darüber gilt als gesundheitsschädlich. Heute ist bekannt, dass über 30 Prozent der Brunnen mehr als 50 Mikrogramm Arsen pro Liter enthalten. Nicht selten sind Werte von 200 – 300 Mikrogramm pro Liter nachzuweisbar. Nach Schätzungen der WHO sind 50 Millionen Menschen betroffen, die alle an einer chronischen Arsenvergiftung leiden und in den nächsten 15 bis 20 Jahren daran sterben werden. Wurde in der Vergangenheit noch nach der Ursache der Arsenbelastung gesucht, so ist heute die Ursache der hohen Arsengehalte im Brunnenwasser klar. Mehrere Faktoren spielen da zusammen. „Wir haben in den vergangenen 20 Jahren feststellen müssen, dass in vielen Gebieten das Grundwasser sehr stark mit Arsen belastet ist, so stark, dass die Menschen sich vergiften und sich Tumoren der Haut, der Blase, der Nieren und der Lunge bilden. Seltsamerweise ist nur das Wasser belastet, weder der Boden noch der Grundwasserleiter, aus dem das Wasser ja gepumpt wird. Wir standen also vor einem Rätsel“, erklärt Charles Harvey vom Massachusetts Institute of Technology gegenüber Deutschlandradio. In jedem Dorf gab es einen künstlichen See, in dem sich das Regenwasser des Monsum sammelt.

Obwohl der Wasserspiegel während der Trockenzeit fällt, trocknen die künstlichen Seen nie völlig aus. Der nächste Monsum füllt sie rechtzeitig auf. Dann liegen in den meisten Dörfern sowohl die Handpumpen der Trinkwasserbrunnen, die starken Pumpen für die Bewässerung der Felder und die künstlichen Seen nah beieinander. Die USGeologen haben den Untergrund und die Chemie des Grundwassers, des Wassers auf den Feldern sowie der Seen untersucht. Es wurde erfasst, wie viel für die Bewässerung der Felder verwendet wird oder wie schnell sich das Grundwasserreservoir wieder füllt. Am Ende konstruierten die Geologen aus den Daten ein hydrologisches Modell. Dabei wurde ersichtlich, das sich das meiste Arsen in Eisenüberzügen befand, welche sich im Grundwasserleiter um die Sandkörnchen bilden. Genau dieses natürliche Arsen gelangt durch einen biochemischen Prozess durch das in den Untergrund sickernde Wasser aus den künstlichen Seen in das Trinkwasser. Das Wasser der Teiche ist sehr sauerstoffarm mit gleichzeitig hohem Anteil an organischem Kohlenstoff. Das begünstigt Lebensgemeinschaften vom Mikroorganismen, die das Arsen mobilisieren. Die Bewässerungspumpen sorgen zusätzlich für ein optimales Milieu für die Mikroorganismen, welches sie gedeihen lässt.

„Als wir den Grundwasserleiter durchbohrten, stellten wir fest, dass die Arsengehalte an der Oberfläche recht niedrig waren und in etwa 30 Metern Tiefe ihr Maximum erreichten. Das ist genau die Tiefe, aus der das Wasser für die Bewässerung geholt wird und aus der sich auch die Handpumpen für das Trinkwasser bedienen. Anscheinend sorgen die Bewässerungspumpen mit ihrem starken Sog dafür, dass sich in dieser Tiefe eine in sich geschlossene Zirkulationszelle bildet. Aus den künstlichen Teichen sickert das reichlich mit organischen Substanzen versetzte Wasser nach unten in den Grundwasserleiter, wird von dem Sog angezogen und wieder nach oben gepumpt”, so Charles Harvey gegenüber Deutschlandradio. Unterhalb der Zirkulationszelle ist der Arsengehalt im Grundwasser sehr gering. Die gewonnen Kenntnisse liefern zugleich die passende Lösung. Für das Trinkwasser müssten tiefere Brunnen gebohrt werden und das Arsenproblem würde genau wie die Cholera-Epidemien der Vergangenheit angehören. Die Lösung ist schon lange da, doch die Regierung ist hilflos.

Es gibt weder Geld für Aufklärungskampagnen noch für großflächige Wassersysteme. Nichtstaatliche Organisationen, oder kurz NGO´s, versuchen, soweit wie möglich zu helfen. Es gibt mobile Satellitenkliniken, die zu Dörfern kommen, um den Menschen vor Ort medizinisch zu helfen. Einer der Ärzte ist Dr. Achmed Salam. Er kennt das Krankheitsbild der Arsenikose, der chronischen Arsenvergiftung, genau. „Arsenvergiftung erkennen Sie an Melanose, also dunkle Flecken im Gesicht, an den Fußsohlen und Händen entstehen Verhärtungen unter der Haut. Flecken zeigen sich. Die Glieder verlieren ihre Beweglichkeit, was zur Amputation führt. Die Haut wird schwarz, stirbt ab und im Körper entstehen Krebsgeschwüre“, so Dr. Salam gegenüber Deutschlandradio zum meist tödlichen Krankheitsverlauf.

Mit Wasserfiltern, die von den NGO´s zum Teil kostenlos verteilt werden, könnte schon vielen geholfen werden. Leider werden die Filter von der Bevölkerung aufgrund ihrer umständlichen Handhabung nur schlecht angenommen. Da Arsen farb- und geruchlos ist, wird die Aufklärungsarbeit zusätzlich erschwert. Dr. Salamat Khadker zählte die größten Schwierigkeiten seines Landes bei einer Tagung in der Hauptstadt Dhaka auf. „Wie zum Beispiel die Population, der Klimawandel und zusätzlich ist ein Problem die Arsenkonzentration im Grundwasser. Die Regierung ist nicht in der Lage, diese Probleme selbst zu lösen, weil die sie viele andere Probleme hat, die sie lösen muss.“ In Bangladesch leben etwa 150 Millionen Menschen auf einem Gebiet, das ein wenig größer ist als Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Die genaue Zahl an Einwohnern ist nur schwer festzustellen. Rund ein Viertel der Bevölkerung hat keine Papiere und lebt auf der Straße, so Schätzungen. Das kleine Land ist überfordert durch die Probleme der Überbevölkerung, durch große Armut und durch Umweltkatastrophen. Die Küstenregion von Bangladesch mit ihren 15 Millionen Einwohnern ist die weltweit am stärksten betroffene Region des Klimawandels bezogen auf die Einwohnerzahl pro Quadratkilometer. Nicht nur dass die Wirbelstürme im Frühling und Herbst durch die Überflutungen für Hunger und Krankheit unter den Ärmsten sorgen, auch in scheinbar “ruhigen” Zeiten haben die Bangladeschi durch das lebensnotwendige Wasser den schleichenden Tod im Glas.

Bangladesch ist sicherlich das extremste Beispiel der Arsenproblematik im Trinkwasser. Dennoch ist die natürliche Belastung von Trinkwasser mit Arsen ein wachsendes globales Gesundheitsproblem, wie Ergebnisse neuerer Studien belegen. Weltweit seien rund 140 Millionen Menschen in über 70 Ländern betroffen. “Das Ausmaß der Arsenbelastung ist weit größer als bisher angenommen“, bestätigt Peter Ravenscroft, Forscher an der Universität Cambridge, gegenüber Reuters. Zudem steigt die Aufnahme von Arsen durch den Konsum von Reis und Gemüse, welches in den Gebieten angebaut wird. Industriezweige wie der Bergbau erhöhen zusätzlich zur natürlichen Belastung die Arsenkonzentration. Dabei ist das Problem nicht nur auf Entwicklungsländer beschränkt. Auch im Trinkwasser westlicher Staaten wurde Arsen in höherer Konzentration nachgewiesen. “In den meisten Ländern gibt es Wasserquellen mit gefährlich hohen Arsenbelastungen, aber wir fangen gerade erst an, das Ausmaß des Problems zu erkennen”, bestätigt Allan Smith, Forscher an der Universität Berkeley. Arsen ist zwar in der deutschen Trinkwasserverordnung ebenfalls mit einem Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Liter festgesetzt und das deutsche Leitungswasser gehört zu ”den am besten kontrollierten Lebensmitteln”, doch auch hier kommt es immer wieder mal in einzelnen Fällen kurzfristig zu Arsenbelastungen nahe dem Grenzwert und darüber.

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