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Wasser-Fußabdruck

Schon einmal etwas von virtuellem Wasser gehört?

Noch ist der Begriff sehr jung und findet in der Öffentlichkeit wenig Interesse. Das wird sich in den nächsten Jahren aber ändern, das Thema wird so bekannt sein wie das Bio-Siegel, die CO2 Klimadiskussion oder die leidigen Debatten über die noch verbleibenden globalen Ölreserven. Den Begriff des virtuellens Wassers prägte der britische Geologe John Anthony Allan vom King´s College London um 1995. Er wollte damit die tatsächliche verbrauchte Menge Wasser pro Produkt oder Dienstleistung aufzeigen. So werden beispielsweise für die Produktion von einer Tasse Kaffee 140 Liter Wasser benötigt, für eine Jeans etwa 6.000 Liter.

Allan erhielt 2008 für seine Arbeit den „Stockholmer Wasserpreis“ des Stockholm International Water Institute.

John Anthony Allan
Geologe John Anthony Allan erhielt 2008 für seine Arbeit den „Stockholmer Wasserpreis“ des Stockholm International Water Institute.

Es war bisher ein langer Weg für den Geologen das Thema virtuelle Wasser in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Bis die Wissenschaft das Konzept von Allan akzeptierte, ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen. In der Wirtschaft und der Politik ist das Konzept noch gar nicht angekommen oder wird nicht beachtet. „Virtuelles Wasser hat nur einen kleinen Platz im Denken der Mächtigen“, sagte Allan 2006 in Frankfurt/Main bei einer Tagung des Institutes für sozial-ökologi- Die große Bedeutung von virtuellem Wasser für den zukünftigen Umgang mit unseren Wassserressourcen sche Forschung zum Leitthema „Virtueller Wasserhandel“.

Die Bedeutung des virtuellen Wassers wird vor allem dann deutlich, wenn bedacht wird, dass nach Angaben der Vereinten Nationen jedes Jahr vier Millionen Menschen an Krankheiten durch verschmutztes Wasser bzw. durch Wasserknappheit sterben. Das sind mehr als 10.000 Menschen täglich, und mit 4.000 bis 6.000 toten Kindern trifft es überwiegend die Schwächsten der Gesellschaft. Heute schon leiden in über 80 Ländern Menschen an Wasserknappheit. Laut UN werden bis 2030 mehr als 5,4 Milliarden Menschen davon betroffen sein. Die Begriffe Wassermangel und Wasserknappheit sind international eindeutig definiert. Die schwedische Hydrologin Malin Falkenmark spricht von Wassermangel, wenn in einem Land die erneuerbaren Süßwasserreserven pro Kopf und Jahr 1.700 Kubikmeter unterschreiten. Bei Wasserknappheit liegt das Volumen unter 1.000 Kubikmetern pro Kopf und Jahr. 1995 hatten noch 92 Prozent der 5,7 Milliarden Menschen ausreichend Wasser zur Verfügung, es litten also „nur“ drei Prozent unter Wassermangel und fünf Prozent unter Wasserknappheit. Im Jahr 2050 wird fast die Hälfte der Menschen darunter leiden, 18 Prozent unter Wassermangel und 24 Prozent unter Wasserknappheit – unglaubliche 42 Prozent der Menschheit wird nicht über Zugang zu genügend sauberem Wasser verfügen.

Wir Deutschen sind absolute Weltmeister im Wasser sparen.

Einige werden sich noch an den Ziegelstein im Spülkasten erinnern, um den Wasserverbrauch der Toilettenspülung zu reduzieren. Heute gibt es zum Glück moderne Spülkästen mit einer Spartaste. Unser ökologisches Gewissen ist stark ausgeprägt und dank moderner Armaturen, effizienter Haushaltsgeräte und der Nutzung von Brauchwasser für Garten und Toilette liegt der tägliche Bedarf durchschnittlich bei 130 Litern pro Bundesbürger. Leider wurde bei dieser Rechnung nicht das virtuelle Wasser eingerechnet. Ein normaler Morgen mit duschen, Zähne putzen, einer Tasse Kaffee (140 Liter), zwei Spiegeleiern (400 Liter), zwei Scheiben Brot (80 Liter) mit Käse (100 Liter) und Tomate (13 Liter) lassen die Bilanz des eigenen Wasserverbrauchs unbewusst zur Katastrophe werden. Nur an diesem Morgen sind schon mehr als 733 Liter Wasser verbraucht worden und der Tag fängt gerade erst an. Wird also das virtuelle Wasser dazu gezählt, welches bei der Produktion jedes Produktes anfällt, liegt der Verbrauchsdurchschnitt der Bundesbürger bei mehr als 4.000 Litern täglich. Noch ist das virtuelle Wasser nicht in unseren täglichen Gedanken verankert und keiner achtet so richtig auf den Wasserverbrauch einzelner Produkte des täglichen Bedarfs – schon gar nicht, wenn sie kein Wasser enthalten wie zum Beispiel die Jeans. Abgesehen vom virtuellen Wasser macht der bewusste Umgang der Deutschen mit dem Trinkwasser einigen Städten große Sorgen, die das Wasser sparen am Ende ad absurdum führt. Da die Leitungsnetze für größere Wassermassen ausgelegt wurden und durch das Sparen die Fließgeschwindigkeit reduziert wird, bilden sich vermehrt Keime. Um dem entgegen zu wirken, spülen die Wasserbetriebe die Leitungen mit Trinkwasser. Es wird also Zeit für den Bundesbürger, nicht nur das sichtbare Wasser des täglichen Bedarfs einzusparen, sondern sich mehr Gedanken über das virtuelle Wasser zu machen und damit real die Wasserressourcen zu schonen. Vor allem gilt es die Ressourcen in den Ländern nicht weiter zu belasten, in denen Wasser sowieso Mangelware ist.

Der Wasser-Fußabdruck

Der Niederländische Wissenschaftler Arjen Hoekstra baute mit seinen Ideen auf dem Konzept des virtuellen Wassers auf und entwickelte den „waterfootprint“ (Wasser-Fußabdruck). Der „water-footprint“ zeigt die virtuellen Wasserhandelsströme auf und veranschaulicht damit die Import-Export Bilanzen eines Landes. Durch den Wasser- Fußabdruck kann der tatsächliche Wasserverbrauch eines Landes, eines Unternehmens oder einer einzelnen Person ermittelt werden. Weltweit werden 80 Prozent des verbrauchten virtuellen Wassers für die Landwirtschaft verwendet und die restlichen 20 Prozent fallen auf industriell gefertigte Güter. Gerade in der Rinderzucht ist der Wassereinsatz enorm hoch. Neben dem großen Durst eines Rindes wird auch die Fütterung mit Gras, das ja Wasser zum Wachsen benötigt, mit eingerechnet. So werden bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch unglaubliche 14.000 Liter Wasser benötigt. Daniel Zimmer, Leiter des UNESCO IHE (Institute for Water Education) in den Niederlanden, sagte über den großen Fleischverbrauch der US-Bürger: „Wenn die ganze Welt so viel virtuelles Wasser verbrauchen würde wie die Menschen in Nordamerika, bräuchte die Welt 75 Prozent mehr Wasser für die Nahrungsmittelproduktion als heute.“ Werden die „Wasser-Fußabdrücke“ der verschiedenen Länder genauer betrachtet, wird deutlich wie ungerecht das Wasser verteilt ist. Wasserreiche Länder wie Deutschland zählen zu den Top Ten der Nettoimporteure von virtuellem Wasser. Laut UNESCO liegt das vor allem an den wasserintensiv angebauten Agrarprodukten wie Tee, Kaffee, Kakao oder Baumwolle. Es liegt daher nahe, dass Industrienationen, die durch ihre geografische Lage meist über große Wasserreserven verfügen, die Wasserknappheit in der dritten Welt zusätzlich verstärken. Anthony Allan schlug bei der Tagung des Institutes für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt/Main ein Konzept des „Strategischen Virtuellen Wasserhandels“ vor, bei dem „das Wasserdefizit in wasserarmen Ländern durch den Import wasserintensiver Güter – vor allem Grundnahrungsmittel wie Getreide – aus wasserreichen Ländern ausgeglichen werden könnte“

 Arjen Hoekstra
Arjen Hoekstra, Entwickler des
„water-footprint“

Nach einer Untersuchung des UNESCOIHE (International Hydrological Education), wurde festgestellt, dass die Baumwollimporte der Europäischen Union aus Usbekistan 20 Prozent der Schrumpfung des Aralsees zu verantworten haben. Auch berücksichtigt wurde die Qualität des Wassers, welches in die Natur zurück fließt. Da nur 2,4 Prozent der weltweiten Ackerbaufläche für Baumwolle genutzt wird, ist es um so erschreckender, dass die Baumwollproduktion die Grundlage für 24 Prozent des globalen Insektizidmarktes ausmacht. 11 Prozent aller Pestizidverkäufe gehen auf das Konto der Baumwollproduktion. Neben der großen Verschwendung von Wasser kommt noch die Vergiftung des Aralsees hinzu. Der „water footprint“ macht auch die Unterschiede verschiedener Regionen und deren Anbau von wasserintensiven Produkten deutlich. Während der Teeanbau im regenreichen Assam eher unproblematisch ist, muss bei dem Anbau von Tomaten in Südspanien ein Umdenken stattfinden. Die 13 Liter Wasser für eine Tomate sind in einer Region, die sich durch den hohen Wasserverbrauch und die klimatischen Bedingungen in eine Wüste zu verwandeln droht, eher kritisch zu sehen. In der gesamten Mittelmeer-region gehören leere Stauseen, ausgetrocknete Flussbetten und verdorrte Felder immer mehr zum Ist- Zustand. Das sind alles Auswirkungen falscher Agrarpolitik. Denn anstatt Produkte anzubauen, die zu diesen Regionen passen, gehen Spanien und Griechenland immer mehr zu bewässertem Anbau von Mais und Baumwolle über – auch weil das von der EU mit Subventionen gefördert wird. Die Agrarpolitik der EU ist ebenso dafür verantwortlich, dass vier Millionen Hektar fruchtbaren Landes in einem Arjen Hoekstra, Entwickler des „water-footprint“ natürlichen Grüngürtel der Erde dem Ackerbau auf Kosten des Steuerzahlers entzogen wurden. Damit ist unter anderem die deutsche Landwirtschaft gemeint. In der EU könnte Weizen angebaut werden, der den wasserarmen Regionen helfen würde, die Ressourcen zu schonen. Positiver Nebeneffekt wäre es, die eigene Import-Export Bilanz von virtuellem Wasser zu verbessern und virtuelles Wasser zu exportieren. Zusätzlich könnte die EU Druck auf die Eliten wasserarmer Länder ausüben, damit diese stärker auf ihre Wasserreserven achten und endlich modernere Anbaumethoden und Bewässerungssysteme nutzen. Das scheint allerdings nicht gewünscht zu sein.

Anderswo wird auch nicht intelligenter gehandelt. Australien ist eine der trockensten Regionen der Welt. Das hindert die Australier jedoch nicht, Obst, Wein und Fleisch in großem Umfang zu exportieren. Dass dies ein irrsinniger Umgang mit einer wertvollen Ressource ist, bezweifelt keiner. In Israel ist die Lage nicht anders. Die Israelis leben beim Wasserkonsum über ihre Verhältnisse. 1,9 Milliarden Kubikmeter stehen ihnen jährlich aus erneuerbaren Wasservorkommen zur Verfügung. Sie verbrauchen jährlich dennoch etwa 200 Millionen Kubikmeter mehr. Dadurch sickert, genau wie in den Mittelmeerländern, immer mehr Meerwasser in die Grundwasserspeicher. 20 Prozent der Reserven sind bereits versalzen. Wenn dann noch bedacht wird, dass 75 Prozent des jährlichen Wasserverbrauchs allein auf das Konto der Landwirtschaft gehen, ist es verständlich, warum der Rechnungshof des Landes feststellt: „Mit Grapefruits und Orangen wird Wasser ausgeführt, zum Schaden der Volkswirtschaft.“ In allen Untersuchungen und Studien über virtuelles Wasser wurde der Tourismus noch gar nicht näher betrachtet. Jedes Jahr reisen Millionen Menschen aus Nord-, Mittel- und Osteuropa im Sommer in die südlichen Mittelmeerländer. Gerade in der Jahreszeit, in der diese Länder sowieso unter Wasserknappheit leiden, verlagern sie ihren eigenen Wasserverbrauch in den Süden. Die Wasserkrise durch den Tourismus belastet das Grundwasser zusätzlich und die Versalzung der übernutzten Grundwasserressourcen wird vorangetrieben.

Inzwischen gibt es Überlegungen, dass wasserarme Nationen wasserintensive Waren wie Getreide und Gemüse importieren sollten, um die eigenen Reserven nicht zu sehr auszubeuten. Der Teufel liegt aber im Detail. Oftmals sind diese Länder wirtschaftlich benachteiligt und der Import ist kaum zu finanzieren. Zudem würden die Arbeitsplätze in der wasserintensiven Landwirtschaft wegfallen. Politische Probleme spielen zudem eine Rolle. Nur um Wasserressourcen optimal zu nutzen, wird Syrien sicher nicht Weizen aus den USA importieren und sich dadurch von Ihnen abhängig machen.

Für den WWF (Worl Wide Fund For Nature) sind das virtuelle Wasser und der Wasser-Fußabdruck wichtige Instrumente für die Zukunft. Mit ihnen soll das Verständnis für Wasser und die Reduzierung des Resosurcenverbrauchs vorangetrieben werden. Der WWF arbeitet außerdem an Anwendungsmöglichkeiten und Strategien, wie die Industrie ihren Wasser-Fußabdruck verringern kann. Dabei geht es nicht nur um die Einsparung von Wasser an sich, vielmehr sollen die Länder und Unternehmen darauf achten, dort Wasser einzusparen, wo es sowieso knapp ist. Das Ziel lautet den negativen Folgen für die Natur und den Menschen entgegen zu wirken. Der WWF führt deshalb Feldprojekte durch, um nachhaltige Landwirtschaftsmethoden und wasser-sparende-Bewässerungsund Anbaumethoden zu testen. Oft sind die kilometerlangen Kanäle für Reis, Baumwolle und Zuckerrohr technisch veraltet, auf dem Weg zu den Feldern gehen durch Verdunstung und defekte Kanäle Unmengen an Wasser verloren.

Was kann der einzelne tun? Jeder sollte sich vermehrt Gedanken machen welche Produkte, aus welchen Ländern, er konsumieren möchte. Lieber die Tomate aus den Niederlanden kaufen, anstatt die aus Spanien. Für einen Hamburger werden immerhin 2.400 Liter Wasser verbraucht. Mit dem Verzicht des einen oder anderen Hamburgers tun Sie nicht nur dem Wasser einen Gefallen, sondern auch Ihrer Gesundheit. Achten Sie vermehrt auf die Herkunft und Produktionsweise der Produkte. Denn die Wirtschaft fürchtet nichts mehr als einen mündigen Kunden, und Sie können mit Ihrer Kaufentscheidung die Unternehmen zum Umdenken bewegen.

EINIGE BEISPIELE FÜR DEN VERBRAUCH VON SAUBEREM TRINKWASSER FÜR DIE HERSTELLUNG VON ALLTÄGLICHEN WAREN:
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